Babies und Kleinkinder hören mindestens ein Jahr lang zu, bevor sie anfangen, die ersten Wörter zu sprechen. Bei ihren Sprechversuchen verwechseln sie Konsonanten, beschränken sich auf einzelne Silben, verdrehen Silben und nehmen sich die Freiheit durch Losbrüllen, drauf Zeigen, Anlächeln und stures Wiederholen verständlich zu machen. Niemand kritisiert sie dafür, dass sie so sprechen, wie sie die Sprache ihrer Bezugspersonen zum derzeitigen Zeitpunkt hören. Im Gegenteil, die Eltern führen einen wahren Freudentanz darüber auf, dass ihr Kind seine ersten Laute gesprochen hat.

Je nach Rahmen, in dem Du Spanisch lernst, wirst Du nicht unbedingt die Möglichkeit haben, ein Jahr und länger nicht zu sprechen. Dennoch

kannst Du Dich beruhigen, dass es ganz normal ist, dass es eine gewisse Zeit braucht, sich in eine neue Sprache einzuhören. Nimm' Dir Zeit zu lauschen. Aussprachefehler bei Anfängern entstehen nicht etwa deshalb, weil sie eine schlechte Aussprache hätten, sondern, weil ihr Gehör noch nicht ausreichend geschult ist, und sie viel zu früh Schriftbild und Aussprache zusammenbringen müssen. Lass’ wann immer es geht, spanische Musik oder Radiosendungen im Hintergrund laufen, ohne dass Du ihnen weitere Beachtung schenken musst. Automatisch bekommst Du ein besseres Gefühl für die spanische Intonation und Aussprache.

Wir haben über das Internet direkten Zugang zu Audioaufnahmen von Muttersprachlern aus der ganzen Welt und das ist ein Geschenk. Wenn Dir danach ist, kannst Du stundenlang üben, die unzähligen Varietäten des Spanischen Lateinamerikas zu imitieren. Wahrscheinlich wirst Du bald merken, dass das eine nicht enden wollende Aufgabe ist, und das Spanische zu vielfältig ist, um jede Sprachfärbung zu (er)kennen.

Insgeheim weiß ich, dass

…ich eine sehr gute Aussprache habe, möchtest Du ergänzen? Dann hast Du Deine Wahrnehmung von Anfang an auf die Intonation und Aussprache gelenkt und sprichst vermutlich gern für Dich allein Spanisch sprachige Sprecher/innen laut nach. Vielleicht, weil Dir durch das positive Feedback, das Du beim Sprechen anderer Sprachen bekommen hast, bewusst ist, dass Du eine gute Aussprache hast. Dieser Vorteil kann sich unter Umständen aber auch als Nachteil erweisen und zwar dann, wenn Du in den ständigen Vergleich mit anderen gehst und dabei unbewusst Dich und andere abwertest. Machst Du Dich innerlich darüber lustig, wie Menschen Englisch sprechen, die das „th“ als „t“ sprechen? Ist es für Dich zum fremd Schämen, wie Zugbegleiter sich auf Englisch an ihre Fahrgäste wenden oder ein/e Mitschüler/in „Hola kwä tal?“ sagt? Gibt es Dir einen Stich, wenn jemand im Kurs spricht, der längere Zeit in Chile oder den USA gelebt hat, weil es Dir übertrieben erscheint, wie er/sie spricht? Du hast den Eindruck, diese Person wolle mit ihrer Aussprache angeben?

Es kostet Dich unnötig Energie, Dich zu vergleichen. Was kann denn diese Person, bei der Du in den inneren Widerstand gehst, wenn Du sie sprechen hörst? Sie hat den Mut, laut vor anderen so Spanisch zu sprechen, wie es am besten klingt!

Die Komfort Zone verlassen

Als ich in Georgien mit einer Pianistin aus Valencia georgische Volkslieder sang,

überraschte es mich, als sie mir plötzlich erzählte, dass sie seit dem Kindergartenalter auf die britische Schule in Valencia gegangen war. Überrascht war ich deshalb, weil sie mit sehr markantem spanischen Einschlag Englisch sprach. In meinem Kopf ratterte es. Sie war doch seit Kindesbeinen an von Englisch umgeben, wurde ausschließlich von Muttersprachler unterrichtet und ist noch dazu überdurchschnittlich musikalisch! Wie kann sie so Englisch sprechen, wie sie Englisch spricht?, dachte ich.

Als ob sie meine ratlosen Gedanken erraten hätte, löste sie das Rätsel von selbst auf. Natürlich können wir alle akzentfrei britisches Englisch sprechen, erklärte sie mir. Aber bis heute sprechen wir spanisches Englisch untereinander, weil es uns komisch erscheint, Englisch wie die Briten zu sprechen.

So wie alle zu sprechen und dabei nicht aufzufallen ist bequem, dabei fühlen wir uns in der Gruppe sicher. Es gehört Mut dazu, den vertrauten Bereich zu verlassen und so Spanisch zu sprechen, wie es uns die Stimme in unserem inneren Ohr richtig zuflüstert. Und zwar ganz gleich, was die anderen darüber denken.

Ist es bei Dir so, wie bei der katalanischen Pianistin? Du nimmst die unterschiedlichen Akzente im Kursraum bereits klar wahr und kannst ohne Publikum schon richtig gut Spanisch sprechen? Es erscheint Dir bloß noch übertrieben? Wie wäre es, wenn Du ab morgen „lo más español que puedas“, so „Spanisch wie möglich“ im Unterricht sprichst?

Varietäten zulassen

Als ich das erste Mal in einem internationalen Spanisch-Kurs saß, sprachen plötzlich Französinnen mit nasalem Einschlag Spanisch und betonten das Ende der spanischen Wörter, während die Amerikaner das R weich streichelten, und die Japaner  Spanisch viel höher sangen als ich. Plötzlich klang Spanisch, ganz neu, nämlich  wunderbar vielstimmig!

Mir hat der Unterricht mit Lernen aus anderen Ländern den Horizont erweitert, denn was heißt schon „gute“ Aussprache?

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