Als ich als Erwachsene begann Spanisch zu lernen, spielten Lieder dabei eine zentrale Rolle, wenn sogar nicht DIE zentrale Rolle. Als Jugendliche hatte ich gebannt den Erzählungen eines jungen Entwicklungshelfers gelauscht, der aus der Partnergemeinde unserer Kirche in Chichigalpa, Nicaragua, zurück gekommen war. Aus einer diffusen Sehnsucht heraus nach Lateinamerika reisen zu wollen, meldete ich mich als Studentin zu einem Spanischkurs des Fremdsprachenzentrums der Universität an. Ich hatte KEIN 

klares Ziel vor Augen, weshalb ich Spanisch lernen wollte undder Kurs, den ich besuchte, war völlig überfüllt und wir verglichen im wesentlichen Grammatikaufgaben. Dabei rechnete ich mir ängstlich aus, wann ich mit dem Vorlesen meiner Antwort an der Reihe sein würde, konzentrierte mich auf die Lösung dieser Lücke und atmete erleichtert auf, wenn diese richtig war. In dieser Zeit lernte ich erste Grammatik-Grundlagen, Spanisch zu spreche lernte ich jedoch nicht. 

Von Spanisch umgeben in Frankreich

Als Fremdsprachenassistentin in Frankreich wohnte ich mit einer Spanierin und einer Schottin zusammen. Während ich mich nicht weiter für das Gälisch, das aus dem Nebenzimmer drang, interessierte, lauschte ich gespannt meiner Mitbewohnerin Rosa, wenn sie allabendlich mit ihrer Familie in Leon telefonierte. Ohne Auto und kulturelles Angebot fühlten wir uns in der abgelegenen Kreisstadt im Nordwesten Frankreichs, während der verregneten Wintermonaten, reichlich abgehängt. Corinne, eine junge Spanischlehrerin, zeigte uns mit ihrem Auto die Umgebung, nahm uns mit in die Disko, kurz, sorgte dafür, dass es uns in ihrer Heimat gut ging. Im Lehrerzimmer und auf unseren gemeinsamen Autofahrten sprach sie konsequent Spanisch mit den Spanierinnen und hörte laut Musik. Ihre Lieblingsmusik „Los Celtas cortos“, wurde zu unserer Lieblingsmusik. 

In nur 7 Wochen zur aktiven Sprecherin 

Durch mein Französisch-Fundament fühlte ich mich nie ausgeschlossen, wenn die anderen um mich herum Spanisch sprachen. Es begann mich jedoch zu wurmen, dass ich nicht selbst etwas sagen konnte und nur Fetzen, von dem, was gesprochen wurde, verstand. Also beschloss ich, nicht direkt an die Uni nach Deutschland zurückzukehren, sondern in Spanien Sprachkurse zu belegen. Als meine Vermieterin in Sevilla vor mir stand und das „S“ weder in der Mitte noch am Ende eines Wortes aussprach, sah ich sie ratlos an, als sie mit dem Schlüssel vor meinem Gesicht hin- und her wedelte: gab es ein Problem oder wollte sie mir einfach nur „la llave“, den Schlüssel, übergeben? Natürlich verstand ich am Anfang noch nicht alles, ich hatte mich in Frankreich jedoch sieben Monate ins Spanische eingehört. Ich hatte die Rolle der interessierten Zuhörerin gewählt, ohne den Druck zu haben, selbst Spanisch sprechen zu müssen. Nun, in Andalusien angekommen, war ich bereit und sicher loszulegen. Ich sprach von Anfang an ohne deutschen Akzent, weil mein Ohr vom langen Zuhören wusste, wie Spanisch richtig klingt. Selbstbewusst baute ich meine Sätze auf Französisch, indem ich improvisierte spanische Endungen an die französische Verben, hängte. Hätte ich keinen Unterricht genommen, würde ich bis heute so sprechen und mich auf diesem Wege gut verständigen können. Ja, und HÄTTE ich mich nicht in die spanische Pop-Musik verliebt!

Popmusik - meine Reisebegleitung in Spanien

In diesen Wochen bereiste ich ganz Andalusien und die Region um Salamanca herum per Bus. Aus dem praktischen Grund heraus, dass ich unter Reiseübelkeit leide, setzte ich mich stets nach vorn zum Fahrer. Genau dorthin setzen sich auch redeselige Zeitgenossen, das ist ein internationales Phänomen. So verfolgte ich nicht nur die Gespräche der Einheimischen, sondern auch das Radioprogramm mit. „Shazam“ gab es damals noch nicht, so dass ich meinen ganzen Mut zusammen fassen und Interpret und Liedtitel beim Busfahrer erfragen musste. Denn Eines war klar, Flamenco Musik ließ mich kalt, aber die Popsongs, die mein Herz eroberten, wollte ich als CD kaufen. Also hörte ich die Musik von Armaral, Jarabe de Palo und anderen Interpreten dieser Zeit immer und immer wieder, während ich die Liedtexte parallel dazu im Booklet mit las. Texte und Musik berührten mich! Auch später, während des Studiums in Barcelona, fühlte ich mich magisch von den Orten angezogen, an denen fliegende Händler neben Regenschirmen und Sonnenbrillen sog. „piratas“, Raubkopien, verkauften. Ich kaufte ihnen CDs im 10er Stapel ab, um spanische Lieder und Texte Wort für Wort aufzusaugen. Zu dieser Zeit sang ich die Lieder nicht unbedingt mit, aber ich sprach die Lieder Zeile für Zeile laut nach und übte Texte laut zu lesen. 

Wie Du Lieder für Deinen Lernprozess nutzen kannst

Lernen kann immer dann gelingen, wenn der Kontext, in dem Du lernst, bedeutsam für Dich ist. Bei mir waren es eine spanische Mitbewohnerin, die zur Freundin wurde, eine sympathische Spanisch-Lehrerin in Frankreich und meine erste lange Reise durch Spanien auf eigene Faust als aktive Sprecherin und Lieder, die mich emotional bewegten. Lieder regen Dich in mehrfacher Hinsicht an. Du kannst Neugier am Sänger, an der Sängerin und ihrem Leben entwickeln. Ist es autobiographisch was er/sie sie singt oder fiktional? Was genau singt er/sie da eigentlich? Vielleicht greifst Du zum Wörterbuch, um eine fehlende Vokabel nachzuschlagen oder Du bleibst beim Video hängen, das eine andere Geschichte erzählt als der Liedtext. Oder ist es nicht streckenweise doch die gleiche Handlung, wie im Liedtext?

Auch wenn wir Lieder nur hören, sind Emotionen im Spiel. Lieder nisten sich tagelang in unserem Ohr ein, rühren uns zu Tränen oder rufen Erinnerungen in uns wach, die uns herunter ziehen. Menschen sind bereit,  auch komplexere Texte auswendig zu lernen, wenn sie als begeisterte Fans bei Konzerten Lieder mitsingen. Welche Musik berührt Dich? Gibt es eine Gruppe, die Dich anSPRICHT? Una imagen vale más que miles palabras  - und ein Lied auch.

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