Wenn Du Hemmungen hast, Spanisch zu sprechen, kann das vielfältige Gründe haben. Die Unsicherheit darüber alles (richtig) verstanden zu haben, kann ein Grund sein. Vermutlich verstehst Du noch nicht genug, um komplexere Gespräche führen zu können. Wenn das aber Dein Anspruch ist, entsteht ein Konflikt. Ich erinnere mich noch gut daran, wie bei einer Kaffeebestellung auf Dänisch in einem Kopenhagener Kaffeeladen die Nachfrage der Bedienung inhaltlich an mir vorbei rauschte.

Ich war so frustriert, dass ich „nicht einmal“ einen Kaffe auf Dänisch bestellen konnte. Dabei konnte ich doch einfach nur „noch nicht“ mit allen Eventualitäten und Abweichungen von einem klassischen Musterdialog einen Kaffee bestellen!

Spanisch lernen beim Kaffee bestellen?

Wenn Du an Orten bist, in denen Du sicher bist, dass das Personal fließend Englisch spricht, bestelle so lange Deinen Kaffee auf Englisch, bis Du Dich bereit fühlst, auch auf automatisierte Fragen nach Treuepunkten und Kundenkarten zu antworten. Menschen, die am Flughafen oder im ersten Café am Platz einer Hauptstadt arbeiten, stehen unter Zeitdruck und sprechen ganz pragmatisch Englisch. Große Cafés und Restaurants sind keine Orte, um Spanisch sprechen zu lernen. 

Es gibt auch andere Wege, entspannt Getränke bestellen zu können, als 100 mal mit zurecht gelegtem Satz und angehaltenem Atem "Un café con leche, por favor." zu sagen.  Wenn Du zum Beispiel bei einem längeren Auslandsaufenthalt regelmäßig in Deine Stammbar gehst, dann kann Dir das Kaffee bestellen auf Deinem Weg zum freien Sprechen tatsächlich helfen. Denn Du kannst zu Deinen Lieblingskellnern Vertrauen entwickeln und transparent machen, dass Du Spanisch üben möchtest und deshalb jetzt jeden Tag kommen wirst. 

Denn los bares del barrio eignen sich hervorragend um das Hörverstehen zu üben. Wie oft habe ich mich morgens allein in eine Bar gesetzt, einen Café con leche, ein cruasant und einen zum de naranja natural bestellt und Zeitung gelesen. Meistens lese ich nur die Überschriften der Zeitungen, da mir der Kontext für die Artikel fehlt. Viele spannender finde ich es, den Gesprächen der älteren Herren zuzuhören, die sich am Vormittag oft im Inneren einer Bar sitzen und langsames, klares Spanisch sprechen.

Spanisch sprechen auf der Straße?

Kleinkinder sprechen, auch wenn sie noch nicht alles, was die Erwachsenen untereinander bereden, verstehen. Sie wissen, wer sie versorgt und diesen Personen tun sie ihre Bedürfnisse kund, unabhängig davon, ob sie gleich beim ersten Mal verstanden werden oder nicht. Die Kommunikation zwischen Eltern und Kindern gelingt nicht immer. Spricht ein Kind mit einem Erwachsenen, der das Kind nicht regelmäßig sprechen hört, ist die Wahrscheinlichkeit noch größer, dass Missverständnisse entstehen. Nun kann man sich als Erwachsener nicht auf eine Plaza Mayor stellen und lossprechen und erwarten, dass die Passanten einem wie Eltern jeden Wunsch von den Lippen ablesen.  Im Zweiergespräch kannst Du trotzdem davon ausgehen, dass Dein Gegenüber Dir tatsächlich mit sehr viel „elterlicher“ Geduld zuhört und Dir gegebenenfalls Hilfestellungen geben wird.  Womöglich wird er am Abend erfreut Zuhause erzählen, dass er eine/n Deutsche getroffen hat. Dein hilfsbereites Gegenüber wird sich dabei nicht daran erinnern, ob Du alles auf Anhieb verstanden oder fehlerfrei gesprochen hast, sondern vielmehr an Eure nette Begegnung. 

Im Fluss der Gruppe?

Wenn Du in einer großen Gruppe unterwegs bist, an einer langen Tafel im Restaurant sitzt und den parallelen laufenden Gesprächen auf Spanisch folgen und Dich aktiv daran beteiligen kannst, hast Du es geschafft. Aber ist dies nicht auch auf Deutsch eine Herausforderung und in jedem Fall anstrengend mehreren Gesprächen gleichzeitig zu folgen bei lauter Geräuschkulisse?

 

Viel entscheidender als Dein Sprachniveau und Deine Selbstbewusstsein sind in solchen Situationen Faktoren auf sozialer Ebene, die oft unbemerkt ablaufen. Beziehen Dich die Leute, mit denen Du unterwegs bist mit ein? Haben sie selbst schon einmal eine Fremdsprache gelernt, Kindern das Sprechen beigebracht, eine Lehrtätigkeit ausgeübt? Ein niedliches Kleinkind, das nicht alles versteht, bekommt mehr Aufmerksamkeit als ein Gast aus dem Ausland. Leute wende sich dem Kind zu, um mit  ihm verbal und non verbal zu kommunizieren. Ein Gast wird eher diskret beobachtet. Häufig löst die Tatsache, dass eine weitere Sprache im Raum vertreten ist, Verlegenheit aus oder auch Unsicherheit und Scham darüber, dass man selbst nicht ausreichend Englisch kann. Und diese Energien sind dann im Gespräch präsent und unter Umständen bremsend. Dein Anteil an einer Unterhaltung, die noch nicht so im Fluss verläuft, wie Du es Dir wünscht, ist geringer als Du vielleicht meinst. 

Du verstehst von der ersten Spanischstunde an genug, um über kurze Floskeln, im Sprachenmix und mit Händen und Füssen zu kommunizieren. 

Mache deshalb Deine ersten Sprechversuche in einem Rahmen, in dem Du nicht verstehen musst. Beim Nachsprechen von Audios, im Response Übungen oder beim gemeinsamen Spiele spielen im Unterricht. Suche Dir Muttersprachler, die sich Zeit nehmen und ein echtes Interesse an einem Gespräch mit Dir haben. Du hast immer die Möglichkeit einzelne Wörter oder Halbsätze auf Englisch zu vervollständigen oder nachzufragen. So bleibt Dein Sprechen und Denken im Fluss und Du verkrampfst nicht bei der Vokabelsuche. Unterhaltungen einsprachig auf Spanisch zu führen, ist das Ziel. Auf dem Weg dorthin hast Du zwei Joker im Ärmel, die Du jederzeit ziehen kannst, sie heißen: „Sprachenmix“ und „Nachfragen“. Sie werden den Wert der Unterhaltung bereichern.

 

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