Seit ich denken kann, beginnt mein Herz zu klopfen, sobald ich eine andere Sprache höre, als Deutsch. In der Strassenbahn drehe ich mich um, wenn ich Unverständliches höre und beginne zu raten, um welche Sprache es sich handelt. Beobachte. Am liebsten würde ich die Leute sofort fragen, welche Sprache sie gerade sprechen? Aus welchem Land der Taxifahrer kommt, der mich gerade fährt? Oft schiele ich diskret auf den Ausweis, der über dem Armaturenbrett des Wagens hängt, zögere und frage dann doch. Reduziere ich diese Person nicht auf ihre Herkunft? Es sind Neugier und

pure Begeisterung, die mich bewegen zu fragen. Ich weiß, dass Menschen den Klang anderer Sprachen mit Halskrankheiten, sexuellen Identitäten und Opernarien vergleichen. Interessant, ich freue mich darüber, dass der Sprachenchor in meiner Umgebung mehrstimmig singt. Sprache klingt wie Musik und kann uns tragen. Sprache verschafft uns Zutritt und ist Teil unserer Identität. Ich unterrichte Sprachen, damit Sprachlosigkeit unsere kulturellen Beziehungen nicht lähmt.   

Ich schreibe aus kultureller Neugier

Es treibt mich eine innere Neugier, mehr darüber zu erfahren, wie es in einer russischen Sauna in Deutschland zugeht, wie man persischen Reis am leckersten zubereitet? Warum türkische Frauen den Faden beim Stricken um den Hals wickeln und wo afrikanische Frauen den Stoff für die Outfits kaufen, die sie sonntags zur Messe in Hannover tragen? Welches Lebensmittel erzeugt in Asia-Shops diesen beissenden Geruch, der mir entgegenschlägt wenn ich einen solchen internationalen Supermarkt betrete? Und haben Expats, die kein Deutsch sprechen, in einem deutschen Unternehmen die gleichen Aufstiegs- und Verdienstmöglichkeiten, wie deutsche Mitarbeiter?

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass aus Kulturbegegnungen immer MEHR entsteht. Ich bin dankbar, dass Deutschland kulturell bunter wird. Vielleicht, weil ich dieses internationale „Verzücktheits-Gen" in mir trage, vielleicht, weil ich viel gereist bin. Interessant, dass ich in der Ferne gelassener mit Müll, Lärm und Verkehrschaos umgehe, als zu Hause. Es geht mir darum, mit meiner Arbeit Toleranz zu stiften. Kann man das überhaupt? Ich glaube, dass Toleranz eine ständige gesellschaftliche Herausforderung ist, auch für diejenigen, die die Diversität umarmen.  

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